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Dienstag, 15. Dezember 2009

Kapitel 4 - "Tag der Preisverleihung"


Heute ist Tag der Preisverleihung. Lustigerweise bin ich nicht der einzige dem es eigentlich vollkommen powidl ist, ob er einen Preis bekommt oder nicht. Mittlerweile habe ich einen Haufen Regiekollegen kennengelernt und für uns alle zählt eigentlich mehr die Tatsache, dass wir hier eine tolle Zeit verbringen. Die mit Abstand weiteste Anreise hatte Carlos Andres Vera aus Equador. Mit seiner Edgar Allan Poe Verfilmung von „The Facts in the case of Mr. Valdemar“ ist er mit seinem relativ aufwändigem, psychotischen Kostümfilm ein durchaus ernst zunehmender Konkurrent für mich. Und umgekehrt ich für ihn, wie er selbst meint.. Aber das ist uns wie gesagt eigentlich egal. 36 Stunden später, sollten wir zusammen in Mumbai ein haarsträubendes Taxi-Abenteuer erleben. Ich setze mich mit Carlos und meinem Regiekollegen Marco Wiersch aus Köln auf die für uns reservierten Plätze im großen Auditorium. Viel Presse, die Festivalorganisatoren, allen voran Manoj Srivastava halten ihre Reden. Lange Rede kurzer Sinn: Ich lag mit zwei Tipps goldrichtig. „Just a Pitch“ von Eric Raynaud gewinnt den dritten Preis, der erste geht an „Kelkkunnundo“, die indische Produktion über das blinde Mädchen. Beides verdient wie ich meine. Der zweite Preis geht übrigens ebenfalls an einen indischen Regisseur. Für die Dokumentation "Wagah". Der Oscarfilm geht ebenso leer aus, wie sämtliche deutschsprachige Produktionen (die ja verhältnismäßig zahlreich vertreten waren) so wie auch mein dritter favorisierter Film „When this man dies“. Es muss unglaublich schwer gewesen sein, als Jury diese Entscheidung zu treffen, zumal es ja auch keine Einschränkungen/Begrenzungen hinsichtlich der Genres, des Inhaltes oder der Längen gab. Fest steht: Hier war die Spitze vertreten und es war mal ein Festival, bei dem man sich nicht für seine Konkurrenzfilme und auch nicht für die Gewinner genieren musste..

Erster Preis für Geetu Mohan - "Kelkkunnundo"

Dritter Platz für Eric Raynaund - "Just a Pitch"

Links: Carlos Andres Vera (keine Angst er sieht nicht immer so aus)
Rechts: Marco Wiersch aus Köln

Presse
Jurymitglieder

Am Abend ziehe ich noch mit dem Gewinner des dritten Preises, Eric Raynaud, sowie Marco Wiersch, der finnischen Schauspielerin Amira Khalifa und einem meiner Screeningzuseher durch die Gegend. Wir landen schließlich am Pool von Amiras Hotel und philosophieren über Film, sowie Gott und die Welt. Später kommt noch Jurymember Michael Orth hinzu.


Eric & Marco

Sweet Amira :-)

Marco
Ich & Amira

Um kurz nach ein Uhr früh mache ich aber einen knallharten Break. Denn ich will morgen zeitig kurz nach acht nach Agonda. Einem der besten Strände Goas. In nüchternem Zustand... Deshalb: Break & Heimfahrt. Marco schließt sich an.

Kapitel 6 - "Abenteuer in Bombay/Mumbai" oder "Von Trickbetrügern, Autounfällen und anderen haarsträubenden Ereignissen.."


Mein Flug nach Bombay/Mumbai: Ich treffe Carlos und Marco am Flughafen. Wir beschließen, unsere acht stündige Pause bis zu unserem Weiterflug nach Frankfurt für eine kleine Mumbairundfahrt zu nutzen... Marco hat ja schon einiges an Indienerfahrung gesammelt und vor 5 Jahren auch bereits Mumbai erkundet. Carlos und ich hingegen waren Greenhorns auf dem Gebiet. Pramod sitzt in der selben Maschine wie wir, er gibt uns ein paar Tips was wir uns ansehen sollten. Dazu zählte unter anderem das Taj Mahal Palace, dass daneben gelegene Gateway of India, der Shri Siddhivinayak Tempel sowie die Haji Ali Dargah Moschee. Schon der Anflug auf die Stadt ist spektakulär... Man überquert zuerst einige bergige Felslandschaften von denen die Stadt umgeben ist. Und dann sieht man sie. Die Slums von Mumbai. Eine unfassbare, ich würde sagen wahrscheinlich sogar in die Millionen gehende Zahl von dicht aneinandergereihten einfachsten Slumhütten, die sich über eine Flugstrecke von mindestens 6-8 Minuten hindurchzieht. Wo man hinblickt: Ein Meer von Slumhütten. Und praktisch kein freier Flecken Erde. Das ganze bis direkt vor die Tore des Flughafens. Mumbai zählt mit 21,3 Millionen Einwohnern (inkl. der Vororte) zu den dichtest besiedeltsten Städten der Welt. Das dies die Finanzmetropole von Indien sein soll, vermag ich nach diesem spektakulären Bild das sich mir hier bot, irgendwie kaum mehr zu glauben.

Am Flughafen holen wir unser Gepäck vom Band, wir müssen dann für den Weiterflug noch mal komplett neu einchecken. Doch die acht Stunden die wir nun Zeit hatten, wollten wir Mumbai erkunden. Pramod will uns helfen einen Taxifahrer zu finden, der sich zu einem erschwinglichen Preis drei bis vier Stunden Zeit nimmt... Ein bulliger Typ spricht uns an. Pramod spricht mit ihm auf indisch. Er beschreibt ihm was wir sehen wollen und fragt ihn ob er so etwas wie eine "Rundfahrt" anbietet. Der bullige Typ bejaht. Wir gehen mit ihm nach draußen. Dann gibt es plötzlich mit Pramod eine hektische Diskussion über den Preis. Pramod sagt uns das wir bloß nicht mehr als 1200 Rubien zahlen sollen. Er lässt den bulligen Typen links liegen als dieser 1800 von ihm haben will. Wir verstehen nur Bahnhof, ahnen aber das es wohl um den Preis geht. Wir folgen Pramod in Richtung der nächsten Taxivermittler. Der bullige Typ folgt uns. Er lässt nicht locker. Pramod spricht einen anderen jungen Taxifahrer an. Schließlich handelt ihn Pramod auf 1000 Rubien runter. Dann stellt sich plötzlich heraus, dass dieser junge Taxifahrer jedoch zu genau dieser Taxiunternehmerclique von dem bulligen Typen gehört... Verwirrung... Zunächst sieht es so aus, als würden wir nun für 1000 Rubien bei dem jungen Taxifahrer mitfahren. Dann werden Carlos, Marco und ich jedoch in das Taxi eines anderen bulligen Fahrers verfrachtet – ein Sikhs (erkennt man am Turban) und der bullige Typ von vorhin steigt zu... Alles irgendwie sehr merkwürdig... „Give me, give me!“ sagt der bullige Typ und deutet, das er die 1000 Rubien im vorhinein will. Und jetzt beginnt das Kasperltheater, welches ich der Einfachheit halber, in einer hier wesentlich verkürzten Form wiedergebe...Carlos und ich geben ihm jeweils 500 Rubien – also insgesamt 1000, den ursprünglich vereinbarten Preis. Der bullige Typ nimmt die Scheine an sich, kommt plötzlich jedoch wieder damit hervor und zeigt uns zwei 50er Scheine. Er behauptet, wir hätten ihm beide, irrtümlich zwei 50er Noten in die Hand gedrückt. Bis dahin hätten wir das ja vielleicht gerade noch so abgekauft. Denn die 50er und 500er Rubiennoten sehen sich wirklich zum verwechseln ähnlich, wenn man nicht wirklich permanent damit zu tun hat. Und auf allen Banknoten ist ein und dasselbe Konterfeit abgebildet: Nämlich jenes von Gandhi. Carlos händigt ihm also nochmals 500 Rubien aus. Ich sehe das mit meinen eigenen Augen. Irrtum diesmal ausgeschlossen. Und abermals tut der bullige Typ so, als hätte Carlos ihm nur einen 50er gegeben. Er näht sich den 500er Schein ein und präsentiert die falsche Banknote... Spätestens jetzt war klar: Wir sind gerade in Begriff einer Trickbetrügerbande auf den Leim zu gehen. Wir fahren durch irgendwelche finstere Hinterhofgassen von Mumbai und werden grandios abgezockt. Aber nicht mit uns. Wir geben dem bulligen Typen ziemlich direkt zu verstehen das wir ihn für ein „fucking Trick-Magican-Ashole“ (Original-Zitat Carlos) halten und wollen sofort unsere Kohle wieder retour und ausserdem zurück zum Flughafen gebracht werden. Ich setze meinen Psychopathenblick auf. (Diejenigen die ihn kennen, wissen was das heißt - Fotobeispiel folgt) Wir wissen genau, dass der Knabe uns bescheissen wollte, trotzdem macht er jetzt einen auf Unschuldsengel und behauptet, er hätte lediglich das Geld „wechseln wollen“. Zum schiessen komisch. Eine kleine Drohung mit der Polizei, Psychopathenblick und wiederholte Aufforderung diesen Bullshit zu lassen und schwuppdiwupp: Schließlich gibt er meine 500 retour. Marco, fertig studierter Psychologe, hilft dem bulligen Typen sein Gesicht zu bewahren, indem er dessen Geschichte mit dem „Geldwechseln wollen“ scheinbaren Glauben schenkt. Für die beiden 50er Scheine die uns der Typ anstatt unserer 500er Scheine gegeben hat, gibt er ihm nun einen 100 Rubien Schein. Sehr clever. Wir machen gute Miene zum bösen Spiel und kehren zum Flughafen retour. Noch ein letztes „Fucking Ashole“ von Carlos und schon waren wir die Bande wieder los. Da Marco und ich uns von diesem kleinen Reinfall aber natürlich nicht von unserem Trip abhalten lassen wollten, starteten wir auf eigenes Verhandlungsgeschick einen neuen Versuch. Diesmal ohne Pramods Hilfe, der war bereits auf dem Weg nach Neu Delhi. Carlos hatte allerdings die Nase gestrichen voll, er meinte ihn würden keine 10 Pferde mehr in eines dieser Taxis bekommen. Ganz abgesehen davon, dass die meisten der Karren in einem Zustand waren, dass ein TÜV Sachverständiger wohl einen schweren Herzinfarkt bekommen würde, wenn er so etwas zu Gesicht bekäme. Während Carlos es also vorzog die nächsten sieben Stunden am Flughafen zu verweilen (der Ärmste hatte einen 18 Stunden Flug nach New York vor sich), quatschten Marco und ich einen weiteren Taxivermittler an und einigten uns schließlich auf den Preis von 1500.- Rubien. Was meiner Ansicht nach natürlich noch immer reinste Abzocke war, aber gerade mal so noch im akzeptablen Bereich. Hauptsache kein Beschiss mehr...

Wir verfrachten also abermals unser großes Gepäck in den Kofferraum und steigen zu. Nach ca. 5 Minuten, hält der Fahrer vor der Taxizentrale seines Unternehmens und wir lernen den Chef deselbigen kennen. Er will 1500.- + 200.- für Brückengebühren die wir berappen müssten wenn wir die von uns angegebenen Ziele (Gateway India, Haji Ali Dargah Moschee) sehen wollten. Na toll.. Jetzt waren wir erst wieder fast auf dem ursprünglichen Preis und wir wissen natürlich, dass es auch dabei nicht bleiben wird... Also bezahlen wir 700 als Anzahlung (zuerst wollte er 1000 aber wir haben nicht eingewilligt aufgrund unseres lustigen Erlebnisses) und los geht die Reise in Richtung Zentrum Mumbai. Erster Eindruck: Extrem schlechte Luft – meine Bronchien reagieren beleidigt – auf den Straßen unglaublich viel Dreck und Armut. Leute pissen und spucken auf die Straßen. An so gut wie jeder Häusernische „leben“ obdachlose Menschen die bis auf die Knochen abgemagert sind. Manche von ihnen klopfen während unserer Fahrt immer wieder an unsere Scheiben und deuten das sie etwas zu essen wollen. Von mehreren Seiten wurde empfohlen die Türen und Fenster geschlossen zu halten. Zu hohes Infektionsrisiko ist nur ein Grund. In Goa habe ich mehrmals den Leuten auf der Straße etwas gespendet. Das hier aber hat eine neue Dimension..

Nachdem ich unserem Fahrer die restlichen 1000 Rubien vorzeitig aushändigte, da dieser tanken musste und angeblich kein Geld bei sich hatte, kommen wir schließlich zu unserem ersten Besichtigungsziel. Dem Hinditempel "Shri Siddhivinayak". Ursprünglich hatte ich vor, ihn nur von außen anzusehen, doch Marco – bereits „Mumbaierfahren“ – überredet mich mit hineinzugehen. Der Taxifahrer will Geld fürs parken weil er meint, dies kostet extra. Schließlich können wir ihn dazu überreden an einer Stelle stehenzubleiben an der er fünf Minuten "gebührenfrei" auf uns warten kann. Er deutet nochmal mit den Händen „5 Minuten, nicht mehr!“ Wir steigen also aus und werden plötzlich von einem jungen Typen angequatscht der uns fragt ob wir in den Tempel wollen. Wir bejahen. Er führt uns zu einem Stand. Lustigerweise habe ich den Tempel bis jetzt noch nicht gesehen, alles ist wieder irgendwie so seltsam.. Wir müssen unsere Schuhe ausziehen und vor dem Stand auf der Straße stehen lassen.. Wir sollen nun in Socken über die dreckigste Straße des Universums zum Tempel gehen... Wir bekommen einen Führer zugeteilt. Dieser drückt sowohl Marko als auch mir ein Art kleinen Plastikgeschenkkorb in die Hand. Darin befinden sich Zweige und ich denke es war so etwas wie Süßwaren. Dies war offenbar als Geschenk für die Hindi-Gottheit gedacht. Im Tempel mussten wir es am Altar überreichen... Oder so irgendwie halt... Bis heute ist mir das nicht so ganz klar.. Wir gehen also in Socken und bekleidet mit Levis Jeans (ja ja, das ist natürlich total unauffällig...) über die schmutzige Straße – zu dem Eingang des Tempels. Ich frage Marco ob er das in dieser Form schon mal erlebt hatte, bloß mit den Socken über die Straße zum Tempel zu gehen. „Nein, in dieser Form kenne ich das nicht“, antwortet er. Na toll... Der Tempel lag dann doch näher als ich befürchtete, nach 2 Minuten waren wir da. Taschenkontrolle. Man wird durchleuchtet. Am Eingang wollen sie meine Digicam. Die durfte ich nicht mit hinein nehmen... Mir wird mulmig. Ein junger Mann taucht auf und fragt nach meiner Cam. Er streckt die Hand aus. Ich blicke einem beim Eingang postierten Polizisten an. Dieser nickt mir wohlwollend zu. Also gebe ich dem jungen Mann meine Kamera. Der gibt sie dann wiederum einem anderen jungen Mann weiter... Na toll... Die hatten also meine Schuhe und die Kamera. Jetzt waren wir grandios erpressbar.. Aber man versucht ja positiv zu bleiben. Also treten wir durch die Kontrolle des Tempels und gelangen schließlich ins Innere. Monotone rhytmische Gesänge unterstützt von großen Trommeln. Etwa 200 bis 300 Leute sind Großteils in Trance verfallen und singen immer ein und das selbe. Ihr Blick ist Richtung eines Altars gerichtet vor dem ein halbnackter in einem rosa Tuch gehüllter junger Mann – permanent mit dem Rücken zu uns gewandt steht. Ich glaube er hält so etwas wie Räucherstäbchen. Alles sehr strange, aber doch auch sehr interessant. Ein kleiner Junge steht vor mir und blickt unentwegt zu mir hinauf. Er hat wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch keinen Europäer gesehen. Wir standen also nun da mit unseren lustigen, unidentifizierbaren „Geschenken“ und offenbar war das oberste Ziel, irgendwann mal am Höhepunkt der Zeremonie bis nach vor zu dem Altar zu gelangen... Natürlich hatten wir ständig die „5 Minuten Zeit“ im Hinterkopf und wir hatten außerdem nur noch 400 Rubien bei uns. Sollte der Taxifahrer also Strafe zahlen müssen, würden wir die gar nicht bezahlen können. Und: Unser Gepäck war im Kofferraum des Wagens! Ausserdem hatten die ja unsere Schuhe und meine Kamera und dazu mussten wir ja auch erst wieder kommen. Da wir aufgrund der nicht enden wollenden Musik und der allgemeinen Stimmung nicht annehmen konnten, dass diese Zeremonie in den nächsten 2 Minuten vorbei sein würde, zogen wir es schließlich vor – mit unseren göttlichen Geschenken – den Tempel wieder zu verlassen. Ehrlich gesagt hoffte ich zu diesem Zeitpunkt, dass dies nicht als Akt der Blasphemie verstanden werden würde... Wir gingen also wieder zu jenem Stand, an dem wir unsere Schuhe ausgezogen hatten, zuvor erfuhr ich von dem jungen Mann beim Ausgang, dass ich dort auch meine Kamera wieder erhalten würde. Und ich hoffte sehr das dies so war. Nicht wegen der Kamera selbst, die wäre mir egal gewesen. Aber die über 300 Fotos darauf waren unersetzbar. Hinterher war ich froh, all die Sachen wieder ganz schnell zurückgefordert und auch bekommen zu haben. Denn plötzlich wollten die Typen Geld von uns. Und zwar 2000 Rubien! Abzocke wieder mal. In keiner Moschee oder Kirche der Welt in der ich bislang war, musste Eintritt bezahlt werden. Und schnell war klar, das dieser Stand offenbar auch nicht wirklich direkt mit diesem Tempel zu tun hatte, sondern wieder mal eine dieser klassischen Touristenabzocken darstellt. Wir amüsieren uns über den verlangten Preis und entfernen uns Richtung zu unserem wartenden Taxifahrer - ohne auch nur irgendetwas zu bezahlen. Der Mann vom Stand kommt hinter uns her, will uns unbedingt irgendwelche Souvenirs aufzwingen, die er uns in zwei Plastiktüten überreichen will. „My flowers, my flowers!“ sagt er ständig. Keine Ahnung ob wirklich „Flowers“ darin waren, wir wollten eigentlich weiterfahren. Dann kam ein zweiter Typ dazu. Man muss dazu sagen, dass die alle sehr schlecht, bis gar kein Englisch sprachen und wir erst lang und breit erklären mussten, dass wir eigentlich gar kein Geld hatten und auch von niemanden darauf aufmerksam gemacht wurden, dass wir hier etwas bezahlen sollten. Das stimmte zwar so nicht ganz, doch ich vermutete stark das ich meine verbliebenen 400 Rubien noch woanders benötigen würde... Marko lies sich tatsächlich auf Diskussionen mit den beiden Typen ein, ich hingegen tendierte eher dazu, denen schlichtweg die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Während die drei herumstritten, klopfte an meinem Fenster ein abgemagertes Mädchen an die Scheibe und wollte Geld für essen. Die Situation war etwas verfahren... Die zwei Typen schimpften in einer Mischung aus Hindi und englischen Wortfetzen irgendwas herum. Ich hab nicht genau verstanden was, aber ich konnte bestimmte aufgeregt klingende Wortfetzen wie beispielsweise „Prison! Prison!“ entnehmen. Na toll. Ich sehe schon die Schlagzeilen: Zwei Regisseure des 40sten internationalen Filmfestivals von Indien wegen Blasphemie und Zechprellerei (sofern man das so nennen kann) zu Gefängnisstrafe verurteilt. Ich beende schließlich die Diskussion mit Nachdruck und dem zuknallen der Türe und gebe unserem Fahrer ein klares „Go!“. Die Typen die Geld von uns wollten, ziehen wieder ab. Noch keine 30 Minuten unterwegs, aber schon Stress pur. Später sollte ich übrigens erfahren, dass es tatsächlich unüblich ist für das Betreten eines Tempels Geld zu verlangen. Noch dazu 2000 Rubien.. Weiter geht’s. Auf einer dicht befahrenen, dreispurigen Straße, sind Marko und ich ins Gespräch vertieft, als es plötzlich „KAWUMM“ macht. Unser Wagen schlittert. Der Fahrer flucht, bremst ruckartig ab. Ein daneben fahrendes Auto reißt obendrein unseren Seitenspiegel ab. Er fährt einfach weiter. Wir blockieren eineinhalb Fahrspuren. Zuerst denken wir an einen Unfall. Dann wird klar. Die Vorderachse unseres Wagens ist gebrochen. Unglaublich... Wir sind mitten in Mumbai, kein Mensch versteht uns und in knapp 4 einhalb Stunden geht unser Flug – wobei man allerdings mindestens 2 Stunden zuvor am Flughafen sein sollte um sämtliche Prozeduren rechtzeitig zu erledigen... Was würde wohl noch alles passieren?


Wir sitzen am Strassenrand und warten auf unser Ersatztaxi Ach ja: Erinnern Sie sich an die Geschichte mit "Mr.Trick-Magican", im Taxi? Ungefähr dieses Gesicht bekam er zu sehen, bevor er mir meine 500 Rubien wieder aushändigte...
Unser Fahrer "leitet den Verkehr um..." Die Karre blockiert eineinhalb Fahrspuren.

Kaputt...
Bombay stresst mich...

Unser Fahrer lässt uns über sein Taxiunternehmen schließlich ein neues Taxi, inklusive neuem Fahrer, kommen. Da wir keine Lust auf weitere unangenehme Überraschungen hatten, machten wir diesem klipp und klar, dass wir bereits die gesamten 1700.- Rubien für unsere Rundfahrt bezahlt hatten. „No Money! No money!“ meint der beruhigend. Na gut. Wir glauben das mal so und verfrachten also unser Gepäck in das nun mehr dritte Taxi des Tages.. Und weiter geht die lustige Reise...

Kapitel 7 - "Abenteuer in Bombay/Mumbai - Teil 2" oder "Wie man in Mumbai die Brückengebühr spart"


Schließlich kommen wir an der "Haji Ali Dargah Moschee" vorbei. Allerdings leider nur in ziemlich weiter Entfernung, so dass wir mehr erahnen als sehen können, dass es sich um ein wunderschönes Bauwerk handelt. Zufahrt ist leider mit Extrakosten verbunden und daher nicht möglich, meint der Fahrer. Dazu kommt – und das ist ein genereller Zustand in Mumbai – das die Gebäude allesamt eher schlecht beleuchtet sind und des Nachts kaum als Fotomotive geeignet sind. Eine knappe Stunde später, sind wir am "Taj Mahal Palace", jenem Hotel indem vor ziemlich exakt einem Jahr, die verheerenden Terroranschläge stattfanden. Abermals haben wir exakt 5 Minuten die der Fahrer warten kann und will, also begeben wir uns zu dem daneben gelegenen „Gateway of India“ dem Wahrzeichen Mumbais. Es ist wesentlich kleiner als ich annahm, im übrigen handelt es sich auch nicht um ein antikes Gebäude, denn es wurde tatsächlich Anfang des 20sten Jahrhunderts erbaut. Schnell noch ein Foto aus meinem Handy – meine Digicam hatte mittlerweile keinen Saft mehr – und weiter ging es.


Kawo vor dem Gateway of India


Nachdem wir zeitlich schon ziemlich knapp waren, wiesen wir den Fahrer an, direkt zum Flughafen zu fahren. Ein bißchen Zeitpuffer hatten wir zwar noch, aber noch ein Unfall oder ähnliches, hätte ein großes Problem bedeutet und ich hatte definitiv nicht vor meinen Rückflug zu verschieben und in Mumbai zu übernachten... Schließlich fuhr der Fahrer eine Tankstelle an. Plötzlich wollte er 500 Rubien von uns. Wir dachten wir hören nicht recht. Wir erklärten nochmals, dass wir alles bereits bezahlt hatten und außerdem praktisch kein Geld mehr bei uns hatten. Er erklärte uns dann mit Händen und Füssen, dass er das Geld zum tanken bräuchte, da er (wie schon der andere Taxifahrer), angeblich keines dabei hätte und wir ja ansonsten auch nicht mehr zum Flughafen zurückkämen... Na großartig... Also gebe ich ihm 300 Rubien und behalte vorsichtshalber 100 Rubien als Reserve. Der Fahrer meint, er würde es am Flughafen zurückzahlen. Das wollten wir auch, denn wir waren durch die permanente Aircondition gesundheitlich etwas angegriffen und wollten uns noch mit Tee zuschütten bevor wir in den Flieger stiegen. Wenig später stieg ein Freund des Taxifahrers zu. Während wir hinten deutsch quatschen, unterhielten sich die beiden Jungs vorne auf Hindi. Dabei lief fast ununterbrochen – mindestens eine Stunde lang - immer ein und dieselbe Hindimusik. Ich mag die Musik zwar für zwischendurch, wenn ich sie aber den ganzen Tag höre - und das ununterbrochen - bin ich irgendwann ein Fall für die Nervenanstalt. Unterwegs begegnen uns abermals zahlreiche Obdachlose Frauen und Kinder, die an unsere Scheiben klopfen und Geld von uns wollen. Ich habe mit Marco eine Grundsatzdiskussion wann man spenden sollte und wann nicht. Das handhabt jeder für sich selbst. Marco spendet ungern an Kinder, weil er meint, dass er dadurch mit verhindert das sie etwas lernen um mit ihrem Wissen später einmal Geld zu verdienen. Ich sehe das grundsätzlich genauso. Ich muss wieder an das kleine Kind am Strand von Agonda denken. Eigentlich ist Mumbai sogar ein Glanzbeispiel für die Kluft zwischen Arm und Reich und den Schattenseiten des Kapitalismus. Auf der einen Seite die Finanzmetropole Mumbai. Man sieht da und dort auch den einen oder anderen Porsche oder Mercedes fahren. Auf der anderen Seite, eine unfassbar große Zahl extrem armer Menschen, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Nirgendwo auf der Welt, weder in New York noch in Kairo habe ich diesen Unterschied so extrem ausgeprägt gesehen wie in Mumbai. Schließlich kamen wir zu jener Brücke, bei der man als "braver Autofahrer" Gebühr bezahlen musste, um sie zu überqueren. Diese Gebühr war auch in den 200 Rubien enthalten, die wir zuvor zusätzlich bezahlten. Alle Lenker vor uns blieben brav stehen, kurbelten das Fenster herunter und bezahlten einem jungen Burschen der für die „Brückensteuer“ zuständig war den vorgeschriebenen Betrag. Und was macht unser Herr Taxifahrer? Er gibt glatt Vollgas, fährt den jungen Burschen fast über den Haufen und düst durch die Absperrung! Der junge, fast überfahrene Bursche, schlägt noch wütend gegen die Scheiben und auf den Kofferraum unseres Wagens, aber wir waren schon auf und davon. Wir waren fassungslos. Ein 0815 Tourist hätte sich an dieser Stelle wohl gedacht „Na gut, andere Länder, andere Sitten“. Nein, nein. Nicht mit uns. Wir nahmen uns vor, den Vorfall später bei der Polizei am Flughafen anzuzeigen, was wir auch taten. Dann gewannen wir eine weitere Erkenntnis. Als unser Taxifahrer unseren Mitfahrer wenig später kurz aussteigen lies um Zigaretten zu kaufen, überreichte er diesem einen kleinen Geldbetrag. Marco konnte dabei die Geldbörse unseres Fahrers sehen... Sie war prall gefüllt mit Banknoten... Moment mal.. Hatte uns der Knabe nicht zuvor noch erzählt er würde Geld zum tanken benötigen, weil er selber keins hatte?? Wir wurden misstrauisch. Als wir am Flughafen ankamen, konfrontierten wir den Fahrer mit unseren 300 Rubien die wir ja – auch laut seiner Aussage – noch von ihm zurückbekommen sollten. Wie erwartet gibt er sich ahnungslos und außerdem ist er ja angeblich bargeldlos. Wir drohen mit der Polizei, sprechen ihn darauf an das wir sein volles Portmonait gesehen haben. Marco ist da ziemlich korrekt/konkret in seinen Ausführungen. Er lässt den Beiden nichts durchgehen. Schon allein in dem Wissen, dass sie es bei wohl so gut wie jedem Touristen immer und immer wieder genauso machen. Schließlich rückt der Fahrer 80 läppische Rubien heraus und versucht uns damit zu besänftigen. Vielleicht wäre ihm dies bei anderen Passagieren gelungen. Wir jedoch suchen am Flughafen den Airportmanager und bringen den gesamten Fall – einschließlich des lebensgefährlichen Fahrmanövers auf der Brücke – zur Anzeige. Vorsichtshalber haben wir uns zuvor die Wagennummer notiert und die Rechnung der Fahrt aufgehoben. Der Airportmanager wirkte sehr vertrauenerweckend und er nahm uns und die von uns geschilderten Ereignisse durchaus ernst. Mir kam auch so vor, als würde er derartiges nicht zum ersten mal vernehmen.. Was genau für Konsequenzen aus unserer kleinen – aber wie wir meinen - notwendigen Petzerei entstehen und ob überhaupt irgend etwas unternommen wird, wissen wir natürlich nicht. Möglicherweise bekommt der Fahrer von seinem Chef eins auf die Kappe. So positiv meine Eindrücke von Goa waren, so vorwiegend negativ waren sie nun von Mumbai. Trotzdem haben wir diesen kleinen Abenteuertrip natürlich nicht bereut! Schließlich macht man so etwas ja primär deshalb um etwas zu "erleben". Und das haben wir. Und trotz all der Spannung wird mich das nicht daran hindern nächstes Jahr meine Bahnfahrt von Mumbai nach Goa zu unternehmen. Und insgesamt betrachtet, sind die Inder auf jeden Fall ein sehr sympathisches, entgegenkommendes und gastfreundliches Volk.

Fazit: Wer in Goa war, hat fast nichts vom eigentlichen Indien gesehen. Goa ist die Sonnenseite des Lebens, Mumbai (zumindest von meinem Eindruck her) eher die Schattenseite die einen den Begriff „Armut“ neu definieren lässt. Auf meine Erfahrungen bezogen, könnte man nun sagen, dass es hier an jeder Ecke Halsabschneider und Betrüger gibt. Auf der anderen Seite muss man natürlich sagen, dass das Überleben in einer Stadt wie dieser bestimmt alles andere als leicht ist und kleinere Gaunereien – vor allem gegenüber Touristen – wohl völlig normal sind. Fest steht jedenfalls das ich mit Vergnügen zurück kommen werde. Vielleicht auch wieder nächstes Jahr um die selbe Zeit zu den 41sten internationalen Filmfestspielen von Indien. Sei es als Regisseur oder als einfacher Zuseher.

Konkrete Fragen zum Festival, zu Goa, oder zu mir: kawo[at]kaworeland[dot]com